Samstag, 2. Juli 2011

Wie viel Mensch verträgt die Erde?

Frei nach dem Motto "no risk - no fun", bewegt sich der Mensch in seinem natürlichen Habitat wie ein Kind in einem Spielzeugladen. Was nützlich und schön scheint, wird benutzt, vermeintlich Hässliches und Unbrauchbares hingegen achtlos weggeworfen. Weisheiten der Altvorderen werden mit Füßen getreten, bestehende Erkenntnisse ignoriert. Die immer gleichen Fehler werden endlos wiederholt, nichts wird aus ihnen gelernt.

Ist es nicht eigenartig, dass ein so vernunftbegabtes Wesen wie der Homo sapiens (lat. "der weise, einsichtsvolle Mensch") sich derart aufführt? Es scheint irgendwie in der Natur des Menschen zu liegen, den Ast, auf dem er sitzt, abzusägen, ohne im Vorwege Schutzmaßnahmen irgendwelcher Art ergriffen zu haben ...

Umweltkatastrophen, Wetterkapriolen, Artensterben sprechen schon heute eine deutliche Sprache und geben uns einen Vorgeschmack auf das, was zukünftig auf uns zukommen wird.



„Alle großen Ideen scheitern an den Leuten.“
Bertolt Brecht (1898-1956), dt. Dramatiker u. Dichter


Satellitenbild der Erde © NASA  



Ursachen der Umweltverschmutzung

Die Organisation Green Cross (Schweiz) und das Blacksmith Institute (USA) haben 2008 die zehn gefährlichsten Quellen benannt:


  • Radioaktiver Müll
  • Verseuchtes Oberflächenwasser
  • Verseuchtes Grundwasser
  • Luftverschmutzung in Gebäuden
  • Vergiftung durch Bergbau
  • Metallverarbeitende Industrie
  • Bleibatterien
  • Ungeklärte Abwässer
  • Luft in Großstädten
  • Lokale Goldgewinnung


Radioaktiver Müll

Seit ungefähr 50 Jahren nutzt der Mensch die Atomkraft zur Energiegewinnung. Verwendet werden hierzu Uran-Brennstäbe, welche nach ihrer Nutzung hochradioaktiv sind und dementsprechend endgelagert werden müssten, um die Biosphäre zu schützen. Inzwischen haben sich gut 300 000 Tonnen dieses gefährlichen Materials angesammelt. Jährlich kommen über 10 000 Tonnen hinzu. In Anbetracht der Tatsache, dass es bisher noch kein Endlager gibt, wird radioktiver Müll zwischengelagert.


Verseuchtes Oberflächenwasser

Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche täglich ca. 126 Liter Wasser. In einer Stadt wie Berlin sind dies täglich 433.440 m³, oder ca. 173 Schwimmbecken nach Olympiastandard (50m x 25m x 2m). Verseuchtes Trinkwasser kann aufbereitet werden. Ist dies nicht möglich, ist der Mensch auf sauberes Grundwasser angewiesen.



Fotos © Blacksmith Institute


Verseuchtes Grundwasser

Ca. 30 Prozent der weltweiten Süßwasserreserven befinden sich unter der Oberfläche. Von ihm leben weltweit ca. 2 Milliarden Menschen. Ist es erst einmal verseucht, ist es kaum noch möglich, es aufzubereiten. Ein ganz besonders schlimmes Beispiel zeigt sich in Bangladesch. Wegen des verunreinigten Oberflächenwassers wurden dort Brunnen angelegt, um Grundwasser zu fördern. Seitdem nimmt etwa ein Fünftel der Bevölkerung die fünffache (!) Menge giftigen Arsens zu sich, die die Weltgesundheitsorganisation für unbedenklich hält.


Luftverschmutzung in Gebäuden

Als Hauptverursacher ist in den Entwicklungsländern an erster Stelle das Kochen über offenem Feuer - in geschlossenen Räumen - zu nennen. "Die Folgen reichen von Atembeschwerden und Augenentzündungen bis zu Lungenkrebs und Tuberkulose. Etwa drei Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen des giftigen Qualms in ihren Häusern", so Nathalie Gysie vom Green Cross. In den Industrieländer sind es hingegen elektromagnetische Felder, Stoffe aus der Bauindustrie, giftige Schimmelpilze usw. Durch sie entstehen Allergien, Erkrankungen der Atemwege oder Krankheiten des zentralen Nervensystems, die sogenannten Multi-System-Erkrankungen.


Vergiftung durch Bergbau

Beim Abbau unter Tage werden nicht nur giftige Stoffe eingesetzt, es werden auch einige freigesetzt: Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber etc. In Verbindung mit Wasser (Regen) entstehen Säuren, denen nicht nur die Arbeiter - sehr oft sind es noch Kinder - unmittelbar, sondern auch die Umgebung ausgesetzt sind. Die Erde in solchen Gegenden stirbt und wird sich wohl nie wieder regenerieren. Reichtum geht - Armut, Krankheit und Tod bleiben.


Metallverarbeitende Industrie

Um Metalle aus Erzen zu gewinnen, ist große Hitze nötig. Während der Schmelze entwickeln sich giftige Emissionen, die in die Luft, die Böden und das Wasser gelangen können. Filteranlagen und die Einhaltung von Sicherheitsstandards schaffen Sicherheit. Da die verarbeitende Industrie aber ständig nach neuen Wegen sucht, um Fertigungskosten zu senken, steht zu befürchten, dass es über kurz oder lang auch hier zu "Unfällen" kommen wird. Umgebungen alter Fabriken sind häufig verseucht, da sie zu ihrer Zeit den heutigen Sicherheitskriterien nicht unterlagen.

Aber nicht nur die metallverarbeitende Industrie stellt eine Gefahr dar: Stellvertretend sei hier das ehemalige Werksgelände von Boehringer in Hamburg-Billbrook genannt. Boehringer betrieb dort - an der Grenze zu Moorfleet - ein Herbizidwerk, dessen Dioxinausstoß viele Arbeiter erkranken ließ. Im Jahr 1984 musste die Fabrik geschlossen werden. Das Gelände wurde bis in die 1990er Jahre hinein saniert, was jedoch zu keiner nennenswerten Entlastung des Bodens führte, sodass seit 1994 der Bereich weiträumig durch tiefe Spundwände von der Umgegend abgetrennt wurde.



"Metallverarbeitung"

"Batterie-Recycling"
 Fotos  © Blacksmith Institute


Bleibatterien

Sondermüll aus Bleibatterien wird häufig in Entwicklungsländer verschifft, um dort recycelt zu werden. Das so wiedergewonnene Blei wird wiederum an Batteriehersteller verkauft und findet so seinen Weg zurück in wiederaufladbare Akkus. So weit, so gut. Nicht so gut ist, dass das Wiederaufarbeiten vielfach in privaten Küchen durchgeführt wird. So gelangt Blei in meist dichtbesiedelten Gebieten zwangsläufig in die Luft und das Wasser. Von dort gelangt es in den menschlichen Organismus und verursacht chronische Bleivergiftungen, bei Babys und Kindern meist den sofortigen Tod.


Ungeklärte Abwässer

Rund 2,6 Milliarden Menschen müssen weltweit ohne adäquate sanitäre Anlagen auskommen. In solchen Gebieten gelangen Abwässer ungeklärt in Flüsse und Seen und die Menschen so mit Fäkalien in direkten Kontakt. In der Folge entwickeln sich Krankheitserreger, die bei uns schon fast in Vergessenheit geraten sind. Trinken Menschen derart verschmutztes Wasser oder waschen sich damit, können sie sich mit Cholera, Typhus, Hepatitis A, aber auch mit Würmern infizieren. Darüber hinaus zerstört dieses Abwasser ganze Ökosysteme, was dazu führt, dass u. a. Nahrungsquellen für den Menschen und Tiere versiegen.



"Ungeklärtes Abwasser" © Blacksmith Institute


Luft in Großstädten

Ruß, Feinstaub, Ozon, Stickstoff- und Schwefelverbindungen - all das finden wir in unserer Atemluft. Dank besserer Filteranlagen in Kraftwerken und Katalysatoren in den Autos konnte bisher Schlimmeres vermieden werden. Trotzdem sterben jährlich nach Angaben der WHO (Weltgesundheitsorganisation) 865 000 Menschen an den Folgen der schlechten Luftqualität. Auch hier sind die Entwicklungsländer stärker betroffen, als die Industrienationen. Einen Grund zum Aufatmen gibt es dort trotzdem nicht, denn die Zielvorgaben der WHO werden nirgendwo dauerhaft eingehalten. 


Lokale Goldgewinnung

30 % der weltweiten Quecksilberemissionen (Schätzung UNIDO - Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung) werden durch Einzelpersonen verursacht. Die UNIDO geht von 10 bis 15 Millionen Menschen aus, die auf diese Art und Weise versuchen, Gold zu gewinnen. Leider sind unter ihnen auch ca. 600 000 Kinder. Quecksilber wird verwendet, weil es sich an Gold bindet. Durch Erhitzen wird es wieder von ihm gelöst. Die hierbei entstehenden hochgiftigen Dämpfe werden nicht nur eingeatmet, sondern verteilen sich global, nachdem sie in höhere Atmosphären aufgestiegen sind. Von dort geraten sie in die Nahrungskette.



"Luftverschmutzung" © Blacksmith Institute



Umweltkatastrophen seit 1900


1910 Lakeview Gusher
Lesen Sie auch "Greenpoint oil spill"

1945 Hiroshima und Nagasaki
Lesen Sie auch "Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki"

1960ff Aralsee
Lesen Sie auch den Artikel "Aralsee" auf Wikipedia

1976 Seveso
Lesen Sie auch "Sevesounglück"

1984 Bhopal
Lesen Sie auch "Katastrophe von Bhopal"

1986 Tschernobyl
Lesen Sie auch "Katastrophe von Tschernobyl"

1989 Exxon Valdez
Lesen Sie auch den gleichnamigen Artikel auf Wikipedia.Klick.

2000 Baia Mare
Lesen Sie auch Wikipedias "Baia Mare"

2002 Prestige
Lesen Sie auch "Prestige (Schiff)"

2005 Jilin Petroleum and Chemical Company
Lesen Sie auch "Chemieunfall von Jilin"

2008 Xingou

2009 Gulser Ana
Lesen Sie auch "Havarierter Frachter verursacht Umweltkatastrophe vor Madagaskar"

2010 Zijin
Lesen Sie auch "Die Partei hat das Problem erkannt" 

2010 Flözbrände weltweit

2010 Monza
Lesen Sie auch "Helfer kämpfen verzweifelt gegen Ölpest"

2010 Deepwater Horizon
Lesen Sie auch den Wikipedia-Eintrag: "Deepwater Horizon"

2011 Auch in diesem Jahr hat es schon einige gegeben. Da Fukushima  jedoch mit Abstand die größten Ausmaße hat, sei hier nur diese Katastrophe genannt. 
  


© NASA
 
„Ändere die Welt; sie braucht es.“
Bertolt Brecht (1898-1956), dt. Dramatiker u. Dichter


Es ist allerhöchste Zeit, dass die Menschheit umdenkt. Vielleicht sollte man der Umwelt ein Preisschild anheften, um dem Einzelnen ihren (unbezahlbaren) Wert bewusst zu machen. Okay, das war nicht ganz ernst gemeint, die nachfolgenden Vorschläge aber schon: 

  • Staaten könnten z. B. Umweltsteuern einführen und ihren Bürgern die freie Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs einräumen.
  • Umweltschädigende Produkte könnten mit einem Absatzverbot belegt werden.
  • Städte und Gemeinden müssten Projekte wie Wind-, Wasser- und Sonnenenergienutzung vorantreiben. Trödler unter ihnen sollten von der EU mit hohen Strafgebühren belegt werden.
  • Bioprodukte könnten bevorzugt subventioniert werden. Subventionen für konventionell angebaute Produkte sollten dagegen sofort eingestellt, mindestens jedoch halbiert werden.
  • Monsanto und Co. gehören weltweit geächtet.
  • Der Schutzgedanke für die Erde und der Willen diesen umzusetzen, sollte in allen Verfassungen verankert werden.
  • Jedem Lebewesen sollte das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zugesprochen werden.
  • Allen Lebewesen sollte darüber hinaus das Recht auf die Unversehrtheit ihres Lebensraumes garantiert werden. Ist dies (z. B. durch notwendige Baumaßnahmen) nicht möglich, muss für einen angemessenen Ausgleich gesorgt werden.
  • Der Schutz der Lebensräume von Menschen und derer von Flora & Fauna, sollte vor wirtschaftlichem Nutzen stehen. 




„Erst wenn der letzte Baum gerodet,
der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen ist,
werdet ihr merken,
dass man Geld nicht essen kann.“


*


Quellen: Green Cross - Blacksmith Institute - Umweltrundschau - UNIDO - Hydrologie - NASA - Kampagne Bergwerk Peru - Dunkle Wolken im Luftozean - GRS - Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit - Arsen im Trinkwasser

Erstveröffentlichung auf Pagewizz am 25.07.2010

Kommentare:

  1. Super Artikel Anna. Viel Mensch verträgt die Erde nicht mehr, wenn es so weitergeht. Systematisch wird alles zerstört und vergiftet. Umdenken, die Masse ist glaub einfach zu bequem auch nur darüber nachzudenken.

    LG Soni

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  2. Hallo liebe Soni,

    ich stimme dir zu, denn solange wirtsschaftliche Interessen das menschliche Vorgehen bestimmen, wird sich nichts ändern. Umso wichtiger finde ich es, die eigene Sicht zu schildern.

    Danke fürs Lesen :)

    Alles Liebe
    Anna

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Ich danke dir für deinen Eintrag @>->- und freue mich darauf ihn nachher zu lesen! Hab eine schöne Zeit, AnnaFelicitas